Aufklärungs-Sumpf-Blüten

 

Bayern - potenziert mit miefiger Nachkriegszeit - und Beides potenziert mit einem klosterartig frommen Mädchenheim, in dem ich lebte.

 

Im Biologie-Unterricht des Gymnasiums wurden wir aufgeklärt, wie sich Tiere fortpflanzen. Bei Bienen, Hunden und Hirschen gab es Instinkte. Über Menschen lernten wir nur, sie seien gaaaanz anders - denn ihre Richtschnur seien einzig und allein die Vernunft und geistige Werte.

 

Ich war 11 Jahre alt und wohnte in dem Heim mit 4 anderen 11-Jährigen in einem Zimmer. Wir wussten, wie die Kinder aus dem Mutterbauch herauskommen, aber nicht, wie sie hineingelangen.

Deshalb beschlossen wir, unsere Eltern am nächsten Wochenende zu fragen, wie das Mysterium unseres Wachsens im Mutterleib zustandekam.

 

Als wir uns am Sonntagabend wieder im Kinderheim trafen, hatten es drei der Mädchen doch nicht gewagt, zu Hause nachzufragen.

Ich hatte mich getraut. Meine, seit langem geschiedene, Mutter hatte mir geantwortet: „Ach, Kleines, es ist schon so lange her, dass ich verheiratet war, ich habe es vergessen“.

Die fünfte, eine Pfarrerstochter, hatte von ihren Vater die folgende Antwort erhalten: „Die Menschen haben ihren Instinkt verloren. Sie wissen nicht, wie man Kinder zeugt. Deshalb gehen sie nach der Hochzeit zusammen zum Arzt und lassen es sich zeigen.“

 

Bis dato hatten meine eigenen Forschungen zu folgenden Ergebnissen geführt: Sehr früh schon hatte ich festgestellt, dass ich Mädchen unten herum hübscher fand, denn sie hatten keinen Wackelpudding zwischen den Beinen wie Jungen. Deshalb war ich vorerst mit meinem Geschlecht einverstanden.

Als ich aber im Alter von 6 Jahren beobachtete, dass mein gleichaltriger Freund und all die anderen Jungen gemeinen und feindseligen Leuten an die Haustür und auf den Türgriff pinkeln - und danach rasch genug weglaufen konnten, wollte ich nur noch ein Junge sein, mit ungeahnter Energie wollte ich das.

Ein noch wichtigerer Grund dafür war, dass Männer immer und überall das Sagen hatten. Fast alle Frauen meiner Umgebung benahmen sich ihnen gegenüber, als seien sie nasse Putzlappen in den Händen von Reinigungs-Personal. Das war nicht zu verstehen. Denn die wichtigeren Menschen waren doch die Frauen, sie brachten die Kinder zur Welt.

 

Mit etwa 3 Jahren - ich lebte damals bei meiner Oma - fand ich die Brüste meiner Oma niedlich wie flatternde Schmetterlinge und bat die Oma, an ihnen wie ein Baby nuckeln  zu dürfen. Die Oma errötete und lehnte ab. Tagelanges Quengeln half nicht.

Ich war so tief enttäuscht, dass ich vermutlich die Anatomie von Frauen gänzlich verdrängte. Jedenfalls war ich erstaunt, als sich meine Schmetterlinge zu entpuppen begannen. Sie kamen mir vor wie 2 voluminöse Lachsfilets, die an unsichtbaren Fleischerhaken baumelten - optisch nicht gerade einladend - eine andere Art Wackelpudding als bei den Jungen - allerdings Wackelpudding hoch drei - sehr störend - beim Rennen musste man das Gewippe mit beiden Händen festhalten.

Das also musste man für die Fortpflanzerei erdulden - musste man? Bei Katzen, Hündinnen und Rehen wackelte gar nichts zwischen den Pfoten. Sie besaßen eine angenehm straffe Haut - also reichten doch einfache Zitzen aus, sogar gleichzeitig für eine ganze Menge Babies.

Für Babies mochten die zappligen Störenfriede ja bequem und richtig sein - aber in der Zwischenzeit? Außerdem hatte ich damals sowieso auf keinen Fall vor, diese merkwürdigste aller Welten mit eigenen Kindern zu bevölkern, schon aus Mitleid.

 

Bald darauf stellte ich fest, dass Männer glotzen. Und zwar besonders oft auf die Schmetterlings-Knödel, als seien unter den Pullovern 2 Fußbälle zu finden.

Das Glotzen fand ich indiskret und noch störender als die Schmetterlinge, es machte mich wütend, wild wütend. Am liebsten hätte ich dafür Ohrfeigen verteilt. Hätte es damals irgendwo eine Burka gegeben, ich hätte sie getragen. Wenigstens gab es wallende Pullover.

Aber was ging die Anatomie der Frauen die Männer eigentlich an? Die hatten doch ihren Instinkt genauso wie wir Frauen verloren! Trotzdem ein Glück, dass sie wahrscheinlich nicht ahnten, was für eine Art Schaschlik-Variante unter den Pullovern wogte!

 

Wie Sträflinge, die hofften, wir könnten sie aus irgendeinem unsichtbaren Gefängnis befreien, glotzten uns die Männer an – eine sehr gestörte Spezies Mensch! Und das, obwohl sie ja fast alles bestimmten. Und die ebenso oder noch merkwürdiger gestörte Spezies Frau ließ sich, wie ich weiterhin beobachten musste, rätselhaft leicht von ihnen beeinflussen und dominieren, als hätten Männer eine Art Königsstatus. Wie gesagt, hing aber doch die Menschheit von uns Frauen ab. Wir sorgten für das Weiterbestehen der Welt! Die paar Samenspritzer, von denen die Doktoren wussten, wie sie in die Frauen hineinkamen, waren zu vernachlässigende Eintags-Phänomene.

 

Es dauerte also ziemlich lange, bis ich dahinterkam, dass Menschen durchaus tierisch sind.

Aquarelle: Xenia Erdmann

       Allzeit Nirwana?

 

 

Im leichten Licht des Mondes

wenn die Vögel vom Singen träumen,

schwimmen die Sterne im Meer

und oben in der Nacht.

 

Ihr schneehelles Gelingen,

das sie sich erdacht,

sucht die in Hoffnung gelösten

Vergänglichkeiten zu trösten.

 

Hoch auf Winden schaukelt das Aber,

Lover des stolzen Nie,

-Traumstrich voll Poesie

in den Wirbeln der Kosmogonie -,

und küsst, zur Ekstase bereit,

das Immer, den Lover der Zeit.

 

Kind Äon spielt Ball mit der Frage,

 - die sich gelassen verlacht - ,:

"Erträumen sich Nächte die Sterne

oder Sterne die Nacht?“

 

Sein Singsang bevölkert die Sterne,

die der Wind wie Tamboure schlägt

und wie gelben Sand

in die Nächte trägt.

 

Der Hausmann

 

Sein Innres duftet wohlig warm

 und groß wie Pferdeställe;

sein Äußres nach Penatencreme.

 

Das Saugen mag er -

aber nur am Staub der Sterne - ,

erstickt das plumpe Fragen

seiner heißen Hände:

"Siehst Du

MICH

zwischen all dem Staub?"

 

 

Menschlich unmenschlich

 

Wir haben in der Schule gelernt, dass unzählige Menschen, darunter viele besonders intelligente und kreative vor Hitler fliehen wollten, aber nicht konnten, da die Staaten ringsherum, z. B. die Schweiz, ihre Grenzen schlossen, die Flüchtlinge zurückschickten. In den meisten Fällen endete das mit KZ, Folter, Tod.

 

Für diese Opfer gibt es Gedenkorte und Gedenktage. Besonders Politiker und einflussreiche Persönlichkeiten halten dann an den Gedenkorten Trauerreden, feucht schimmernde Augen vor bedrückten Gesichtern.

Falls diese Toten, die Möglichkeit hätten, die Zeremonien aus einer anderen Sphäre zu betrachten, würden sie sich nicht selten fremdschämen.

Unsichtbar auf Wolkenstühlen sitzend, würden sie sich die Haare raufen und stöhnen: Wir sind nur dann nicht umsonst gestorben, wenn ihr es endlich lernt: Das beste Gedenken - ein Gedenken, das uns würdigt und ehrt, ist: Heutigen Flüchtlingen nicht das anzutun, was wir erleben mussten. Wer sich nicht darum bemüht, im Rahmen seiner Möglichkeiten, und nur an Gedenktagen teilnimmt, lügt. Er nimmt teil an einem Ablasshandel: Nicht Geld wie vor Jahrhunderten, sondern öffentliche Betroffenheit ersetzt die erforderlichen Taten.

Die Enttäuschung der Gestorbenen muss enorm sein. Denn für die Menschen in Kriegs- und Foltergebieten gibt es keine legale Ausreisemöglichkeit nach Europa.

 

Die fliehenden Menschen wollen leben, aber unsere mit dem Christentum angeblich untermauerten Gesetze sind Mitursache für den tausendfachen Tod dieser Menschen.

 

In einem gegensätzlichen Sinn pocht allerdings unsere Gesetzgebung auf christliche Werte und raubt uns gerade dadurch unsere Freiheit: Viele todkranke Menschen wollen von einem qualvollen Weiterleben erlöst werden, auf eine würdige angenehme Weise. Auch diese Freiheit, die keinem schadet, verhindern unsere Gesetzgeber.

 

 

Da hilft nur Galgenhumor, meint ein Kabarettist, der aus den Wolken zuschaut, und ist nicht mehr zu stoppen, als er in die Rolle der Trauerredner schlüpft:

„Schengenraum, du Götterfunken,

bauet Zäune ringsherum!

Wir bewachen, EU-trunken,

hier bloß unser Eigentum.

 

Du bist uns zu viele, Flüchtling -

kapiers!

Flüchtig im Leben wie ein Sperling -

gesperrt der Weg vor und zurück -

du wusstest und weißt doch schon immer:

Nur Allah

bringt Unglück und Glück.

Gepresst ans Geländer

zwischen Hunger, Kriegen und Licht

schwimmt zwischen Paddeln und Leichen

dein verbotnes Gesicht -

bleib flüchtig!

Ein Boot ist ein schönes Zuhause,

Traum aller Kinder.

Im Wasser ist Platz, sehr viel,

seit die Fische

am Müll

sterben.

Ja doch - wir sind für dich da:

Denn nicht nur Adel verpflichtet, auch unser Holocaust!

In Gotteshäusern, an Denkmalen –

bei schönen Feiern – vor Gott -

 sieh doch: Hier knien wir und beten

für unsere Toten

und dich –ABLASS!

Leiden – erweckt in uns Tiefe,

auch das Mit-Leiden mit dir –

es ist INNERER Reichtum.

Und den teilen wir -

vor allem mit dir -

das ist

erschöpfend und christlich -

ABLASS!

 

Du und dein Kompagnon,

 ihr stinkt wie ne Garnison –

bleibt flüchtig!

Dort im Wasser –

da seht ihr es schon:

 das Zerrinnen eurer Gesichter -

schön sind sie so -

fließend und bunt -

Allah schickt Unglück und Glück -

und auch die Reise - die große -.

zu seinem Thron -

zuhause für immer -

endlich im wirklichen Leben -

gibt es Schöneres?

 

Uns indes geht es nicht gut:

Uns hindern die Ärzte am Sterben.

Gott schickt uns Unglück und Glück.“

Ein Kollege des Kabarettisten klopft ihm auf die Schulter: „Mein Vorschlag: Lass sie doch tauschen.“

Das halten alle Wolken-Zuschauer für eine gute Idee. Sie konsultieren Allah und Gott.

Wer sterben will, bekommt die Erlaubnis, in Hungergebiete zu fliegen. Auf der Rückfahrt reisen die Flüchtlinge, die leben wollen, legal in den Schengenraum.

 

Allah und Gott freuen und umarmen sich: endlich Ferien!

Und die Zuschauer in den Wolken sind endlich entspannt genug für sightseeings auf anderen Planeten.

 

 

Weitere Texte siehe  KastastanienVerlag